Mandarinen im Winter

 

Wer hätte gedacht, dass ein Netz Mandarinen mein Leben verändert?

 

Ein grauer Novembertag. Die Autos schleifen durch den Regen und spritzen kleine

Wasserfontänen in die Luft, der milchige Himmel verschlingt jede Kontur und die Straßen

sind leer, wie gähnende Schluchten.

 

Im Zick Zack wehen gelbe Blätter durch die Luft, verharren kurz, geführt wie von Zauberhand im Äther, bevor sie davon getragen werden; bevor es endlich und endgültig Winter werden kann.

 

Mit der Unlust eines faulen Löwen, verlasse ich schleppend die warme Wohnung. Einen

Augenblick verweilt die Wärme noch in der Kleidung, bevor sie, getrieben von einer feinen

Nebelwand, davon flieht. Ich stelle den Kragen etwas auf und gehe zügiger, um schneller

beim Supermarkt zu sein, und so auch schneller wieder nach Hause zu kommen.

 

Noch vor wenigen Tagen saßen hier Kinder mit Kreidefarben. Mädchen in den Cafés wurden

von den Rentnern der Stadt beäugt, die mit ihren alten und blinden Hunden zum Fluss

wackelten. Eben noch roch es nach Kürbissuppe, nach frischen deutschen Federweiser

und das Licht spielte Fangen, durch die noch grünen, leicht roten Blätter.

 

Magisch war es, nicht mehr heiß und schwül, aber noch immer mild und friedlich.

Ein vorbeifahrender Bus mit Hybridantrieb schleicht sich von der Seite an und schreckt

mich mit seiner plötzlichen Präsenz aus den Gedanken. Nur noch eine Kurve und ich

stehe vor dem Supermarkt. Hagere Gestalten tummeln sich um den merkwürdigen

Automaten, der ein Brot in 5 Minuten backen kann. Eine ältere Dame versucht die

Aufschrift eines Joghurtbechers zu entziffern, bis sie mich letztlich fragt, ob das Sahne ist

und der junge Mitarbeiter schleudert tausende kleiner Pappkartons in eines dieser Papp-

Karton-wegfahr-Teile, das aussieht, wie ein kleiner Tigerkäfig auf Rollen.

 

Ich bin der typische Stadteinkäufer und kaufe zwei Joghurts, Kaffee, Milch. Und: Ein Netz

Mandarinen. Ich kaufe es nur, weil ich den Geruch mag und das ganze Netz 99 Cent

kostet. 99 Cent Mandarinen-Netzte zerstören meine logische Denkfähigkeit. Wer erntet

Mandarinen? Wer kauft diese Mandarinen? Ich.

 

Doch schon bin ich wieder Draußen, einmal über die Kasse gezogen, stehe ich auf der kalten Straße, vorbei an roten Ampeln, wische ich durch den Regen und über den nassen Asphalt. Keine Kinder und keine hübschen Mädchen im Kaffee, keine Röcke, keine Cabrios, kein Late Macchiatto und schon gar kein Hugo mit Gurke. Honig mit Ginger vielleicht, oder Milchreis mit Zimt.

Familien-Treffen und Geschenkwahn, Fitnessstudio und trotzdem Bauchspeck: Es wird Winter!

 

Die Sirene eines vorbeifahrenden Polizeiwaagens und die Gesprächsfetzen einer

telefonierenden Frau vermischen sich zu dem typischen Großstadt-Rauschen. Nur noch

schnell um die Ecke und ich bin wieder zu Hause! Ein Mann kehrt mit seinem langen,

dünnen Besen die Straße, und an der rechten Mauer lehnt ein Obdachloser eingewickelt

in drei Laken aus Schlafsack, Tüchern und zwei alten Jacken. Auf seinem Schoss sitzt ein

kleiner Hund. Ich bleibe stehen: "Hey, magst du vielleicht ein paar Mandarinen haben?"

Keine Reaktion.

 

Ich bin schwer enttäuscht, dass mein Gut-Meschentum nicht anerkannt wird und gehe weiter. Zwei Schritte nach Vorn und wieder zurück. Vielleicht freut er sich ja, wenn ich sie ihm hinlege, dann hat er wenigstens was Frisches, wenn er aufwacht.

 

Umständlich beuge ich mich über ihn und krame das Netz Mandarinen aus der Einkaufstüte, reiß es auf, was kleine Striemen in die Handflächen schneidet, und lege fünf Mandarinen neben ihn. Der kleine Hund knurrt mich beharrlich an und noch in dem Moment, als ich mich wunder, dass der Mann so gar nicht reagiert, fällt seine Hand vom Rücken des kleinen Hundes auf den kalten Boden.

 

Sie sinkt nicht langsam hinab, sie knallt. Jeder Zweifel weicht aus meinem Kopf, mir zieht sich der Magen zusammen, meine Knie geben nach und alles fühlt sich für einen Moment an, als hätte Jemand den Filter von der Welt gestreift. Das Verständnis für Gut und Böse. Für Richtig und Falsch liegt neben mir, wie die Mandarinen neben dem Toten.

 

Das Plastiknetz noch halb in der Hand, starre ich den kleinen Hund an. Mir wird schlecht und ich möchte zusammen sinken, raffe mich auf die Beine und lehne mich an die Hauswand. Traue mich nicht ihn zu berühren, weil ich schon Gewissheit habe, ohne es wissen zu können. Ich wollte nur ein blödes, sinnloses 'Danke' für meine Scheißmandarinen! Für mein Scheiß-Ego und gegen diesen Scheiß-Wintertag.

 

Die Polizei kommt, und bringt ohne Nachfrage einen Leichenwaagen mit. Ist das so üblich?

Sie nehmen meine Daten auf und bringen den Mann irgendwohin, wo kein Mensch Jemals

hin will. Ich kann nicht anders, und bitte sie, die Mandarinen mit ihm zu verbrennen, als

sie gerade die Durchwahl für das städtische Tierheim wählen. "Warten sie!", der Polizist

legt nicht auf und sieht mich, mit der Hand an der Ohrmuschel, fragend an. "Ich kümmere

mich um den Hund". Ich nehme die uralte, blass rote Leine des kleinen Terriers, der noch

immer winselnd in das lange schwarze Auto blickt, und drehe mich um: Richtung

Supermarkt. 

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